



Etwas schien heute jedoch anders als sonst zu sein. Das anfängliche Knarren der Äste unter der Schneelast im Wind war auf einmal verstummt. Ein unbehagliches Gefühl nagte an Paul. Schon beim Aufstehen hatte er ein ungutes Grummeln in der Magengegend bemerkt, als ob eine große Gefahr drohte. Er schüttelte den Gedanken hastig ab und schalt sich einen Narren. Die Arbeit rief. Schnell vergewisserte er sich, dass die Ohrenschützer richtig saßen.
Paul hatte gerade die schwere Motorsäge angestellt, als er auf einmal ein unangenehmes Kribbeln im Nacken verspürte. Auch wenn er nichts hören konnte, wusste er, dass er auf der Lichtung nicht mehr alleine war.
Nervös und zögerlich drehte er sich um?
Ich setzte mich auf einen der großen Steine, die auf dem Boden lagen, und ließ die Umgebung auf mich wirken. Was könnte passiert sein?
Meinst du, die Täter haben den Briefumschlag gefunden und an sich genommen?« Mutlos blickte ich Ludwig an und erhob mich schwerfällig.
Lass uns mal nachsehen. Vielleicht finden wir die Stelle, an welcher die Unterlagen versteckt gewesen sein könnten, und haben Glück, dass sie noch da sind.
Als Ludwig mit der Taschenlampe seines Handys in jeden dunklen Winkel der Höhle leuchtete, stieß er einen leisen Pfiff aus und bückte sich.
In der Hand hielt er jedoch nicht die versteckten Beweise, sondern einen goldenen Ring, verziert mit geheimnisvollen Symbolen. Fasziniert betrachtete er ihn von allen Seiten, als ob er sich an ihm nicht sattsehen könnte.
Den muss hier jemand verloren haben. Scheint ein seltenes Stück zu sein. Die Verzierungen, Wahnsinn. Guck mal, Schatz.


Ludwig und ich spürten die Kälte in den Muskeln, als wir zu unserem Fahrzeug hetzten. Um nicht in die Schusslinie der Verbrecher zu geraten, nahmen wir den Weg durch das Dickicht. Das Knacken der Äste und Knirschen des Schnees hinter uns wurde immer lauter.
Schneller, mach an!«, mahnte mein Mann mich zur Eile und achtete nicht auf die Zweige, die sich in seinem Mantel verhedderten. »Wo ist nur dieser blöde Lutz?
Die Dunkelheit beeinträchtigte unseren Orientierungssinn, sodass wir nur eine ungefähre Vorstellung davon hatten, wo wir uns befanden.
Als uns die Große Laine den Fluchtweg versperrte, wussten wir, dass wir uns verlaufen hatten. Entsetzt schaute ich Ludwig an. Zurück konnten wir auf keinen Fall.
In den Bach, er ist noch nicht gefroren«, zeigte er auf das schmale Gewässer, das sich durch die verschneiten Büsche schlängelte. Wir müssen durch das Wasser waten, um die Kerle abzuschütteln.
Ohne nachzudenken, preschte ich los, hinein in die Finsternis, auf den Schatten zu?die Gestalt im Blick, die sich nicht von der Stelle rührte.
Ludwig kam nicht mehr dazu, mich rechtzeitig festzuhalten und mich an meinem wahnwitzigen Vorhaben zu hindern. Hinter mir hörte ich nur noch sein lautes Fluchen.
Es war totenstill auf den Straßen. Die meisten Einheimischen, erst recht die Touristen, schliefen um diese Uhrzeit bereits.
Die eiskalte Luft schnitt schmerzhaft in meine Lungen, aber ich lief weiter, als ob der Leibhaftige mit seiner illustren Schar hinter mir her wäre. Dabei stünde dieser vermutlich bald vor mir.
Ich blendete jegliche Gefahr aus und nahm nur noch das Echo meiner eigenen Schritte wahr.
Meine Füße waren inzwischen wie Eisklumpen und erschwerten mir das Laufen.
Welcher Idiot rannte auch schon im tiefsten Winter, und dann noch bei Schnee, barfuß in Leinenschuhen durch die nächtlichen Straßen?
Plötzlich drehte sich der Schatten um und verschwand um die nächste Straßenecke, und damit aus meinem Sichtfeld. Es war sinnlos, die weitere Verfolgung aufzunehmen, oder sollte ich doch?




Die beiden Polizisten sahen sich mit gerunzelter Stirn an und ich stellte erleichtert fest, dass sie meine Worte offensichtlich ernst nahmen.
„Wir müssen die Situation klären“, sagte einer der Beamten und wandte sich an Dr. Moreau. „Würden Sie uns jetzt endlich erklären, was hier vor sich geht? Die Patientin schreit doch nicht ohne Grund um Hilfe.“
Dieser wirkte plötzlich auffallend nervös. „Das ist absurd! Die Frau ist einfach nur verwirrt von der Medikation! Es ist alles in Ordnung. Glauben Sie mir.“ Doch ich konnte sehen, wie sein Lächeln verschwand und die Fassade bröckelte.
Einer der Polizisten zog ein Funkgerät hervor und sprach schnell hinein. Vermutlich rief er Verstärkung herbei, zumindest hoffte ich es.
In diesem Moment brach das Chaos vollends aus.
Die Zimmertür, die nach dem Aufprall gegen die Wand wieder zurückgeschwungen war, wurde krachend aufgestoßen. Zwei Männer vom Sicherheitspersonal des Krankenhauses stürmten, die Waffen im Anschlag, herein.
Die Luft war kühl und roch nach feuchtem Stein. Der Duft von Moos und Schimmel sowie verrottetem Holz drang mir in die Nase.
Auf den ersten Metern des Tunnels konnte man die eigene Hand vor den Augen nicht sehen. Wir schalteten deshalb die Taschenlampen an, deren Schein unheimliche tanzende Schatten auf die steinernen Wände warf.
Hinter einer Biegung schimmerte jedoch sanftes Licht, und ich riss verblüfft die Augen auf, als ich an den Wänden in größeren Abständen brennende Fackeln entdeckte.
In diesem Augenblick wurde mir erneut bewusst, dass wir hier unten nicht alleine waren.
Nun konnte ich erkennen, dass sich vor uns ein weitläufiges Netzwerk von Gängen erstreckte, die in alle Richtungen wiesen. Das Labyrinth schien endlos zu sein, und ich wusste nicht, wohin die Tunnel führten. Ich entschied mich daher, geradeaus zu gehen und die Abzweige zu meiden.
Das Gefühl von Enge und Beklemmung verstärkte sich. Die Stille war erdrückend und zerrte an meinen Nerven.


Auf dem Boden standen mehrere Kühlboxen, in denen die illegal entnommenen Organe zu den jeweiligen Empfängern transportiert werden sollten.
Den schlimmsten Anblick bot jedoch der zweite große Tisch. Auf diesem lagen mehrere Körper, reglos und blass, mit verbundenen Augen und an den Händen gefesselt.
„Oh mein Gott…“, flüsterte ich, während ich die Hand vor den Mund schlug, weil ich sah, dass sich ihre Brust beim Atmen bewegte. „Sie sind lebendig!“
In der Ecke stand ein großer Kühlschrank, dessen Tür nur angelehnt war. Ein leises, unheimliches Summen drang aus dem Inneren. Wir zögerten einen Moment, bevor wir uns diesem näherten.
Als Delgado die Tür aufzog, stockte mir der Atem. Darin lagen, in durchsichtigen Plastiktüten verpackt, …, als wären sie nichts weiter als wertlose Stücke in einem makabren Sammelsurium. Resterampe, kam es mir in den Sinn, und ich schämte mich sofort für diesen respektlosen Gedanken.
Delgado ging es offenbar wie mir, denn er wandte seinen Blick schnell von dem Regal ab und schaute entsetzt in meine Richtung. Nur Olivia zeigte keinerlei Gefühls-regungen.
Ich war wegen der Entdeckung immer noch schockiert, als ein leises Knistern aus der Dunkelheit des Raums meine Aufmerksamkeit erregte.
Olivia sowie Delgado drehten sich hastig um, ihre Waffen fest in der Hand.
Aus den Tiefen des Raums trat eine Gestalt hervor, in dunkler Kutte, das Gesicht im Schatten verborgen.
Der Stoff schien aus einem schweren, groben Material zu bestehen, welches bei jeder Bewegung ein leises, raschelndes Geräusch von sich gab. Ich konnte die Augen der Person zwar nicht erkennen, aber ich spürte den durchdringenden Blick, der uns zu durchbohren schien.
„Wer sind Sie?“, rief der Comisarío mit fester Stimme.
Die Gestalt blieb stehen, als ob sie die Frage erst abwägen würde, bevor sie antwortete. Ein kaltes Lächeln formte sich auf den Lippen der Person, auch wenn das Gesicht weiterhin verborgen blieb.
„Ich bin der Hüter der Herzen“, antwortete die Stimme, tief und hallend, als ob sie aus den Wänden selbst käme. „Hier in den Schatten bewahre ich das, was andere vergessen wollen.“




Ich war noch schlaftrunken, aber als ich nach meiner Zahnbürste griff, kam schlagartig das Leben in mich zurück.
Hier stimmte etwas ganz und gar nicht!
Beim Händewaschen nach meiner Ankunft zu Hause waren sie mir nicht aufgefallen, weil ich in Gedanken bei den anonymen Anrufen war. Aber jetzt registrierte ich sie.
Auf der Ablage unter dem Badezimmerspiegel lagen zwei kleine blutrote Herzen aus Glas.
Martha lachte laut und schäkerte und ich konnte zwischen ihrem Lachen die Wörter Tür, Deckung, Abstellraum und Verstärkung verstehen. Das waren meine Stichworte, aber ich wollte sehen, was passierte und mich nicht im Abstellraum verstecken. Ich schloss die Rollläden im Wohnzimmer und beobachtete im dunklen Schlafzimmer gespannt, vorsichtig über das nicht ganz hochgezogene Plissee blickend, was passieren würde.
Die Spannung stieg und vor lauter Nervosität kaute ich meine Unterlippe beinahe blutig.
Hoffentlich käme die Polizei rechtzeitig. Der Weg von der Wache zu mir war in fünf Minuten zu schaffen, sodass es gleich losgehen müsste.


In das frustrierte Schweigen Delgados Mitarbeiter läutete mein Handy und meldete dem Klingelton nach zu urteilen den Eingang einer SMS.
Alle Anwesenden im Raum fuhren erschrocken zusammen, mir brach der kalte Schweiß aus und ich begann, zu zittern, als ich mein iPhone hervorholte.
Eine SMS hatte ich von Pablo oder seinen Handlangern bisher nie erhalten.
Was war es dieses Mal?
Trotz meiner Selbstsuggestion verspürte ich ein komisches Gefühl in meinem Bauch. So meldete er sich nur dann, wenn etwas wirklich Schlimmes oder Unerklärliches passierte. In den letzten zwei Jahren war er sehr aktiv gewesen. Ängstlich blickte ich die Polizisten an.
Mir war gleichzeitig warm und kalt, meine Hände wurden schweißnass und vor Angst klopfte mein Herz wie wild. Aus unerklärlichen Gründen traute ich mich nicht, die SMS zu öffnen.
Es war unheimlich, still und dunkel und knarrte in allen Ecken, die ideale Location für einen Horrorfilm.
Wir setzten uns ins Wohnzimmer und blickten durch den schmalen Gardinenspalt nach draußen in die Dunkelheit. Thomas saß auf einem der alten verschlissenen Sessel, ich hatte es mir auf dem Sofa bequem gemacht, so gut es ging.
Seinen Rat, mich hinzulegen und auszuruhen, nahm ich nicht an. Danach war mir gar nicht, weil ich viel zu aufgeregt war und ein ungutes Gefühl hatte. Stattdessen blieb ich auf dem Sofa sitzen und versuchte, durch den Gardinenspalt die Lichter des uns erlösenden Polizeiautos zu entdecken.




„Hi Pedro, vielen Dank für die lieben Grüße, die ich gerne erwidere. Wie geht es dir?“
Ich hatte mich noch nicht wieder ausgeloggt, als eine neue Nachricht einging.
„Danke, jetzt gut, da du mir schreibst. Ich bin nur sporadisch hier und froh, dein Foto gesehen zu haben. Du bist eine sehr schöne Frau.
Was suchst du hier?
Ich suche etwas Bleibendes und ernsthaft Schönes. Mit dir hoffentlich, denn du wirkst auf mich.“
„Möchte dich gerne heiraten und kann es momentan nicht.“
„Dazu müsste man sich aber erst mal richtig kennenlernen, Zeit miteinander verbringen.“
Ich konnte plötzlich nur noch mit zittrigen Fingern schreiben, weil mich ein Lachanfall schüttelte.
„Denke an dich, Schatz. Meine beiden Leichen brauchen mich jetzt.“
Damit war unsere Unterhaltung vorerst beendet. Gut so, denn ich war immer noch am Lachen, mir liefen die Tränen über die Wangen.
Heiraten!
Pedro und ich?
Nie und nimmer!


Am dritten Tag hatte er vermutlich WLAN, denn er überschüttete mich abends mit vielen Liebesbotschaften.
„ICH TRÄUME DICH JEDEN TAG, Sanne.
Vermisse die Zeit mit Dir.
Werde Dich leidenschaftlich lieben. Diesmal umso mehr. Groß ist das Verlangen, unmessbar. Vergehe vor Lust, MEINE FRAU!
Wir sind verrückt nacheinander. Wir brauchen uns.
Du bist mein TRAUM, verzauberst mein Gehirn und meine Sinne, bist GENIAL. Für mich.
Durchdringe Dich immer wieder und das brauchst Du auch, von mir, Schatz.
So, wie er sich mir gegenüber verhielt, überkamen mich wieder Zweifel, ob er wirklich der Betrüger war, für den ich ihn oft hielt.
Bildete ich mir alles nur ein?
Hatte ich einen geistigen Schaden?
War ich krankhaft misstrauisch, wie Pedro es mir oft vorwarf?
War ich vielleicht paranoid und bemerkte es nicht?
Mein Bauch tobte ob meiner Zweifel und trat mir heftig und gezielt in den Magen. War der Mann doch echt und einfach nur verzweifelt?
Meine Gedanken drehten sich ständig im Kreis und fanden den Ausgang nicht, waren wie in einem Irrgarten gefangen.


„Anstatt mir zu helfen, machst du mir große Szenen. Reicht es dir denn nicht, dass mein Leben kaputt ist? Ich könnte sofort bei dir sein, wenn ich nur wüsste, wie ich mich hier freikaufen kann.
Schatz, wenn du mich schon nicht wirtschaftlich unterstützen kannst, dann hilf mir wenigstens seelisch und mit Liebe, statt mich ständig fertig zu machen.“
„Wenn mein Leben so schlimm wäre wie deines, wäre das letzte so eine Plattform.“
„Müssen uns sehen und aussprechen, Schatz.
Kannst du die Kaution für mich bezahlen, um hier endlich raus zu kommen?
VERMISSE DICH WAHNSINNIG UND BIN SO TROSTLOS..
HABE WIRKLICH KEINE ANDERE NEBEN DIR UND WILL AUCH KEINE ANDERE!“
„Und wenn ich sterbe, dann mit deinem Namen auf meinen Lippen, deinen Lippen auf meinen Augen, deiner Berührung in meinen Sinnen.“
Mir schossen bei dem letzten Satz die Tränen in den Augen. Konnte ein Liebesbetrüger tatsächlich so etwas schreiben? Mir fehlte diesbezüglich die Erfahrung, aber in diesem Augenblick glaubte ich wirklich, dass Pedro mich auf seine Weise aus tiefstem Herzen liebte.
